Süddeutsche Zeitung Dossier Sommer-Serie „Wege aus der Abhängigkeit – Wege in die Resilienz“

Hartmann-Gruppe zwischen Systemrelevanz und Preisdruck

von Felix Lee

Ausgerechnet im Gesundheitswesen ist Deutschlands Abhängigkeit von Lieferungen aus China besonders hoch: Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen kaufen viele zentrale Produkte wie Atemschutzmasken, Einmalhandschuhe, Schutzkleidung, Verbandsmaterial oder Desinfektionsmittel weiterhin in der Volksrepublik – aus Kostengründen. Gerade in Krisen- und Konfliktzeiten sind sie unverzichtbar, und doch ist das Kriterium für den Einkauf vor allem der Preis.

Britta Fünfstück, Vorstandschefin der Hartmann-Gruppe aus Heidenheim, kann viel über den Widerspruch zwischen politischen Forderungen nach Resilienz und dem Zwang zur Kostensenkung im Gesundheitswesen erzählen. Im Gesamtbild überwiegt derzeit die Forderung nach niedrigen Preisen: „Krisenresilienz hat im Gesundheitssektor aktuell keine Priorität“, sagt Fünfstück im Gespräch mit SZ Dossier. Ihre Produkte – Masken, Desinfektionsmittel, Verbandsstoffe – sind nicht nur im Ernstfall, sondern auch im Alltag unverzichtbar und gelten politisch als Teil kritischer Infrastruktur. Ökonomisch jedoch werden sie wie austauschbare Massenware behandelt.

Trotzdem produziert die Hartmann-Gruppe viele Waren in Deutschland, am Hauptsitz Heidenheim sowie im nahen Herbrechtingen: OP-Anzüge etwa oder Desinfektionsmittel. Die Lieferkette versucht das Unternehmen zu diversifizieren – doch es gilt: je diverser, desto teurer. Daher bezieht die in 36 Ländern aktive Firma auch heute noch Vorprodukte aus China. Das Geschäft läuft gut. Der Umsatz ist 2025 um 2,2 Prozent gewachsen; mithilfe neuer Produkteinführungen wurden in strategischen Kernsegmenten Marktanteile gewonnen.

Doch Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen stehen unter Kostendruck. Sie müssen sparen – und vergeben Aufträge deshalb an den günstigsten Anbieter. Für Unternehmen wie Hartmann entsteht ein Dilemma: Wer in sichere Lieferketten investiert, Lagerbestände aufbaut oder in Europa produziert, hat höhere Kosten – ohne dass der Markt diese Leistungen honoriert.

Hinzu kommen widersprüchliche Vorgaben der Politik. Einerseits soll die seit März 2026 geltende Kritis-Gesetzgebung die zentralen Versorgungsstrukturen im Gesundheitswesen widerstandsfähiger gegenüber Krisen machen. Andererseits schwächen einzelne Gesetzesinitiativen die Resilienz eher als sie zu fördern. Als Beispiel nennt Fünfstück die geplante Abschaffung einer zweckgebundenen Pauschale für Pflegehilfsmittel, über die bislang unter anderem Desinfektionsmittel und Masken finanziert werden konnten. Es brauche konsistente Leitlinien für Resilienz über alle Gesetzgebungsverfahren hinweg, fordert sie.

Die Hartmann-Gruppe versucht deshalb, die eigene Verwundbarkeit zu reduzieren. Neben diversifizierten Lieferketten setzt sie auf zusätzliche Sicherheitsbestände, alternative Bezugsquellen und technische Notfallvorsorge – bis hin zu Satellitentelefonen in den Hauptlagern für den Fall eines Blackouts. Doch auch diese Maßnahmen haben Grenzen. „Wir können einen Beitrag leisten, aber nicht das gesamte System absichern“, sagt Fünfstück.

Und so bleibt die Abhängigkeit von günstigen Produkten aus China groß. Wie schnell ein Versorgungsproblem entstehen kann, hat die Pandemie gezeigt. China hatte Exportstopps für Masken verhängt, in Deutschland und Europa brach bekanntlich der Notstand aus.

Auch die Hartmann-Gruppe war damals stark von Lieferungen aus der Volksrepublik abhängig. „Die Hauptproduktion von Masken war vor Covid in China“, erinnert sich Fünfstück. Sicherheitsbestände hätten zwar kurzfristig geholfen, aber dauerhaft keine echte Unabhängigkeit geschaffen. Ohne lokale Produktion lasse sich die Versorgung nur für Tage oder Wochen sicherstellen, so Fünfstück.

Um die akute Mangellage abzufedern, stieg die Hartmann-Gruppe auf Bitten der Bundesregierung selbst in die Maskenproduktion ein. Der Stückpreis war wegen der höheren Arbeitskosten in Deutschland etwas höher. Doch die Abnahme wurde staatlich garantiert. Mit dem Ende der akuten Notlage verschwand allerdings die politische Priorität wieder. Es war, als seien die Probleme sofort vergessen gewesen. Die Politik hatte keine Ambitionen, etwas zu lernen und für die Zukunft vorzusorgen.

Für die Hartmann-Gruppe hatte das direkte Folgen: Die Maskenproduktion ließ sich nach der Pandemie nicht aufrechterhalten, weil Kunden im Gesundheitswesen nicht mehr bereit waren, für lokale Fertigung mehr zu zahlen. Gegen die Massenproduktion aus China hatte Hartmann unter diesen Bedingungen „keine Chance“, so Fünfstück. Die Pandemie habe zwar das Bewusstsein geschärft, aber keine dauerhafte Veränderung ausgelöst. „Nach der Pandemie war das Thema kein kritisches mehr.“

Fünfstück leitet aus der misslichen Lage klare Forderungen an die Politik ab. Erstens müsse Krisenresilienz in öffentlichen Ausschreibungen verankert werden. Zweitens brauche es Gesetzgebung, die nicht gegeneinander arbeitet, sondern Versorgungssicherheit konsequent mitdenkt. Drittens müsse die Politik anerkennen, dass Resilienz kein Nice-to-have ist, sondern ein Sicherheitsinteresse des Landes.

Auch Verbände sieht sie in der Pflicht. Sie könnten dabei helfen, Resilienz immer wieder in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken und notwendige Rahmenbedingungen dafür einzufordern. Zusätzliche Vorgaben sieht Fünfstück kritisch. Es gibt schon zu viel Bürokratie und Dokumentationspflichten, die nicht zu aktiven Maßnahmen führen. Sie plädiert stattdessen für gezielte Anreize.

Ohne politische Flankierung bleibt Resilienz ein Kostenfaktor – und damit ein Wettbewerbsnachteil. Am Ende tragen ihn vor allem jene, die im Ernstfall die Versorgung sichern sollen. Fünfstück: „Die Initiative muss von der Politik ausgehen.“

Zum Originalartikel: https://www.sueddeutsche.de/dossier/tiefgaenge/resilienz-serie-hartmann-gruppe-zwischen-systemrelevanz-und-preisdruck-51cb7e2e

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